Die Störwirkung von devianten und wechselhaften auditiven Distraktoren im direkten Vergleich: Ein kritischer Test von Modellen der auditiven Ablenkung

Das Duplex-Modell wird in vielen Publikationen als Standardmodell zur Erklärung von Phänomenen der auditiven Ablenkung akzeptiert. Das Modell unterscheidet zwischen zwei Arten der Störung von Arbeitsgedächtnisleistungen durch auditive Distraktoren: Die Störung durch wechselnde auditive Distraktoren (der Changing-State-Effekt) wird mit der präattentiven, obligatorischen Verarbeitung von Reihefolgeinformationen innerhalb der Distraktoren erklärt, die mit der kurzfristigen Aufrechterhaltung von Reihefolgeinformationen der Zielitems interferiert. Die Interferenz durch deviante Distraktoren, die eine reguläre Sequenz gleichartiger Distraktoren unterbrechen (der Devianzeffekt), wird auf Aufmerksamkeitsablenkung zurückgeführt. Eine Alternative zu diesem Modell stellt die Annahme dar, dass beide Phänomene auf Aufmerksamkeitsablenkung zurückzuführen sind. Auf den ersten Blick erscheint die zweite Erklärung etwas attraktiver, da sie mit sparsameren Annahmen auskommt. Allerdings wird die Unterscheidung von zwei fundamental unterschiedlichen Formen der auditiven Ablenkung scheinbar durch Dissoziationsbefunde erzwungen, die für eine funktionale Unterscheidung beider Phänomene sprechen. Ein genauere Analyse dieser Befunde zeigt aber, dass nicht alle dieser Befunde klar zugunsten des Duplex-Modells interpretiert werden können, da Alternativerklärungen möglich sind und sich Vergleiche oft auf methodisch unterschiedliche Studien beziehen. Hier setzt das beschriebene Forschungsvorhaben an. Ziel des Forschungsvorhabens ist, die Grundannahmen beider Modelle fair und kritisch in einer Serie von Experimenten zu prüfen, in denen der Changing-State-Effekt und der Devianzeffekt direkt verglichen werden. 

Zeitraum

2016-2018


Der Einfluss von Regularitätsverletzungen und persönlicher Relevanz irrelevanter auditiver Information auf die serielle Reproduktion: Prüfung von Modellen des menschlichen Arbeitsgedächtnisses

Die serielle Behaltensleistung für visuell präsentierte Ereignisse ist beeinträchtigt, wenn während der Präsentation der Ereignisse oder während eines kurzen Behaltensintervalls aufgabenirrelevante auditive Distraktoren dargeboten werden. Arbeitsgedächtnismodelle müssen diesen Effekt erklären und lassen sich in zwei Klassen einteilen – in eine erste, deren Modelle diesen Effekt auf eine Aufmerksamkeitsablenkung zurückführen und eine zweite, deren Modelle keinen Einfluss von Aufmerksamkeit auf das kurzfristige Behalten zulassen und stattdessen andere Mechanismen spezifizieren. Aus der ersten Modellklasse lässt sich die Vorhersage ableiten, dass zwei Arten von Distraktoren, die in besonderem Ausmaß Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Behaltensleistung besonders deutlich reduzieren sollten. Erstens sollten Reize, die eine Regularität in der auditiven Umgebung verletzen, eine besonders starke Orientierungsreaktion auslösen und daher besonders effektiv Aufmerksamkeit von der Behaltensaufgabe abziehen. Zweitens sollten Reize mit besonderer Relevanz für das Individuum besonders stark Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In dem hier skizzierten Forschungsprojekt sollen die Auswirkungen von Regelverletzungen und der persönlichen Relevanz von aufgabenirrelevanter auditiver Information auf das kurzfristige Behalten von visuell präsentierten Zahlensequenzen untersucht werden. Aus den Ergebnissen werden sich Schlüsse über die Beteiligung von Aufmerksamkeitsprozessen am kurzfristigen Behalten und damit über die Adäquatheit von Modellen des menschlichen Arbeitsgedächtnisses ziehen lassen.

Zeitraum

2012-2014

Ansprechpartner

Axel Buchner
Raoul Bell undefined
Jan Röer
undefined

Publikationen

Röer, J. P., Bell, R., & Buchner, A. (2014). Please silence your cell phone: Your ringtone captures other people's attention. Noise & Health, 16, 34-39.

Röer, J. P., Bell, R., & Buchner, A. (2014). What determines auditory distraction? On the roles of local auditory changes and expectation violations. PLoS ONE, 9, e84166.
undefineddoi:10.1371/journal.pone.0084166 pdf

Röer, J. P., Bell, R., & Buchner, A. (2013). Self-relevance increases the irrelevant sound effect: Attentional disruption by one’s own name. Journal of Cognitive Psychology, 25, 925-931.
undefineddoi:10.1080/20445911.2013.828063


Gedächtnis für kooperative und betrügerische Interaktionspartner: Ein Test der emotionalen Inkongruenzhypothese

Die Sozialvertragstheorie postuliert, dass hoch spezialisierte kognitive Module existieren, welche die Informationsverarbeitung in sozialen Austauschsituationen erleichtern sollen. Um das Individuum effektiv vor Betrügern zu schützen, müssen die Schlussfolgerungsmechanismen, die das effiziente Entdecken von Betrügern erlauben, durch Gedächtnismechanismen vervollständigt werden, welche es erlauben, aus vorausgegangenen negativen Erfahrungen mit Betrügern zu lernen. Insbesondere wurde aus der Sozialvertragstheorie abgeleitet, dass Menschen Gesichter von Betrügern besser wiedererkennen (Mealey, Daood, & Krage, 1996), bzw. ein besseres Quellenedächtnis für den betrügerischen Kontext, in dem ein Gesicht gelernt wurde, besitzen sollten (Buchner, Bell, Mehl & Musch, 2009). Daten aus neueren Studien sprechen allerdings für einen flexibleren Mechanismus. In drei Studien (Barclay, 2008; Bell, Buchner & Musch, 2010; Volstorf, Rieskamp & Stevens, 2011) zeigte sich, dass das Gedächtnis für betrügerische und kooperative Interaktionspartner von deren relativer Häufigkeit moduliert wurde: Das Quellengedächtnis für die jeweils selteneren Interaktionspartner war erhöht. In dem hier skizzierten Forschungsprojekt soll überprüft werden, ob Informationen, die emotional inkongruent zu einer positiven oder negativen Erwartungshaltung sind, generell besser erinnert werden. Dazu werden eine Reihe von Variablen manipuliert, welche geeignet sind, bei den Probanden eine positive oder negative Erwartung bezüglich des Ausgangs der sozialen Interaktion auszulösen. Dazu werden Verhaltensdaten und elektrophysiologische Korrelate mit dem Ziel einer präziseren Theorieprüfung erhoben.

Zeitraum

2011-2013

Ansprechpartner

Raoul Bell undefined
Axel Buchner
Laura Mieth

Publikationen

Bell, R., & Buchner, A. (2012). How adaptive is memory for cheaters? Current Directions in Psychological Science, 21, 403-408. undefineddoi:10.1177/0963721412458525

Bell, R., Giang, T., Mund, I., & Buchner, A. (2013). Memory for reputational trait information: Is social-emotional information processing less flexible in old age? Psychology and Aging, 28, 984-995. http://dx.doi.org/10.1037/a0034266

Bell, R., Mieth, L., & Buchner, A. (2015). Appearance-based first impressions and person memory. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition41, 456-472. undefinedhttp://dx.doi.org/10.1037/xlm0000034

Bell, R., Sasse, J., Möller, M., Czernochowski, D., Mayr, S., & Buchner, A. (2016). Event-related potentials in response to cheating and cooperation in a social dilemma game. Psychophysiology, 53, 216–228. http://dx.doi.org/10.1111/psyp.12561

Giang, T., Bell, R., & Buchner, A. (2012). Does facial resemblance enhance cooperation? PLoS ONE, 7, e47809. undefineddoi:10.1371/journal.pone.0047809 pdf

Bell, R., Sasse, J., Möller, M., Czernochowski, D., Mayr, S., & Buchner, A. (2016). Event-related potentials in response to cheating and cooperation in a social dilemma game. Psychophysiology, 53, 216–228. http://dx.doi.org/10.1111/psyp.12561

Mieth, L., Bell, R., & Buchner, A. (2016). Memory and disgust: Effects of appearance-congruent and appearance-incongruent information on source memory for food. Memory, 24, 629-639. http://dx.doi.org/10.1080/09658211.2015.1034139


Habituation des Effekts irrelevanter auditiver Ereignisse auf das Arbeitsgedächtnis

Modelle des menschlichen Arbeitsgedächtnisses können in zwei Kategorien eingeteilt werden in Abhängigkeit davon, ob beim kurzfristigen Bereithalten verbaler Information Aufmerksamkeit beteiligt sein soll oder nicht. Zur experimentellen Prüfung der Frage, ob Aufmerksamkeit an kurzfristige Behaltensleistungen beteiligt ist, eignet sich der Effekt irrelevanter auditiver Ereignisse auf kurzfristiges Behalten von Information im Arbeitsgedächtnis besonders gut. Habituiert der Effekt, dann spricht dies für eine Beteiligung von Aufmerksamkeit am kurzfristigen Behalten von Informationen und damit für eine bestimmte Klasse von Arbeitsgedächtnismodellen. Das macht die Untersuchung von Habituationseffekten in diesem Paradigma theoretisch besonders interessant. Leider ist die Befundlage zur Habituation des Effekts irrelevanter auditiver Ereignisse auf kurzfristiges Behalten von Information im Arbeitsgedächtnis vollkommen unklar. Erstens ist die vorliegende experimentelle Evidenz sehr heterogen. Zweitens können Befunde etlicher Studien wegen prinzipieller Probleme der Hypothesengenerierung oder wegen methodischer Mängel wie fehlender Teststärke gar nicht eindeutig interpretiert werden. An dieser Stelle soll das hier skizzierte Forschungsvorhaben ansetzen. Geplant sind durchweg vergleichsweise teststarke Experimente, die einen Schluss über die fraglichen Habituationseffekte zulassen und dabei zugleich Probleme der bisher vorliegenden Untersuchungen vermeiden.

Zeitraum

2010-2013

Ansprechpartner

Axel Buchner
Raoul Bell undefined
Jan Röer
undefined

Publikationen

Bell, R., Röer, J. P., Dentale, S., & Buchner, A. (2012). Habituation of the irrelevant sound effect: Evidence for an attentional theory of short-term memory disruption. Journal of experimental psychology Learning, memory, and cognition, 38, 1542-57.

Röer, J. P., Bell, R., & Buchner, A. (2014). Evidence for habituation of the irrelevant sound effect on serial recall. Memory & Cognition, 609-621.
undefineddoi:10.3758/s13421-013-0381-y  pdf

Röer, J. P., Bell, R., Dentale, S., & Buchner, A. (2011). The role of habituation and attentional orienting in the disruption of short-term memory performance. Memory & Cognition, 39, 839-50. pdf


Zur Lesbarkeit und ergonomischen Gestaltung von Bildschirmen

Studien aus den 80er Jahren zeigen deutliche Leistungsunterschiede zwischen dem Lesen am Bildschirm und dem Lesen auf Papier zu Gunsten des Papiers. Seitdem ist die technische Entwicklung jedoch immer weiter fortgeschritten. Heutige Bildschirme, wie zum Beispiel das iPad, sind nicht nur in ihrer Handhabung, sondern auch hinsichtlich ihrer optischen Eigenschaften dem Papier immer ähnlicher geworden. Es stellt sich deshalb die Frage, ob medienbedingte Unterschiede hinsichtlich der Lesbarkeit und des Leseverständnisses auch unter Verwendung der neuesten Bildschirmtechnologien bestehen bleiben.

Neben der Untersuchung der Lesetauglichkeit von elektronischen Anzeigen im Vergleich zu Papier werden in diesem Projekt auch spezifische Einflussfaktoren auf die Lesbarkeit elektronischer Anzeigen untersucht, wie z.B. die Farbwahl und v.a. die Darstellungspolarität. Beim Lesen am Bildschirm findet sich relativ zuverlässig ein Vorteil in der Lesegeschwindigkeit und -genauigkeit bei der Darstellung von dunklem Text vor hellem Hintergrund (positive Polarität) im Vergleich zur Darstellung von heller Schrift vor einem dunklen Hintergrund (negative Polarität). In unseren Studien untersuchen wir die Einflussfaktoren des »Polaritätseffekts«. Die Ergebnisse sind sowohl aus ergonomischer als auch aus grundlagenorientierter Sicht von Relevanz. Zur Analyse werden Leistungs- und Befindlichkeitsmaße verwendet. In zukünftigen Studien sollen auch Indikatoren des Blickverhaltens (wie Lidschlag, Pupillengröße, Blickbewegungen) zur Analyse des Leseprozesses herangezogen werden.

Zeitraum

laufend

Ansprechpartner

Axel Buchner
Maja Köpper
Susanne Mayr undefined
Cosima Piepenbrock

Publikationen

Buchner, A., Mayr, S., & Brandt, M. (2009). The advantage of positive text-background polarity is due to high display luminance. Ergonomics, 52, 882–886. doi: 10.1080/00140130802641635

Mayr, S., & Buchner, A. (2010). After-effects of TFT-LCD display polarity and display colour on the detection of low-contrast objects. Ergonomics, 53, 914-925. doi: 10.1080/00140139.2010.484508


Distraktorverarbeitung und Selektionsmechanismen in der akustischen Modalität

Im Rahmen dieses Projekts untersuchen wir die Verarbeitung irrelevanter akustischer Information und deren Auswirkungen auf nachfolgende Aufgabenbearbeitungen. Dabei soll das Zusammenwirken von Aufmerksamkeits- und Kurzzeitgedächtnisprozessen sowie Prozessen der Handlungsauswahl näher beleuchtet werden. Zu diesem Zweck greifen wir unter anderem auf das Phänomen des negativen Primings zurück, das sich in der verlangsamten Reaktion auf ein zuvor ignoriertes Objekt zeigt. Ein etablierter Erklärungsansatz dieses in der Aufmerksamkeitsforschung häufig untersuchten Phänomens ist das Modell des episodischen Abrufs. Danach wird angenommen, dass eine »Nicht auf das Objekt reagieren«-Information als Bestandteil der Objektrepräsentation aus der vorangegangenen Episode erinnert wird, wenn sich der frühere Distraktor als Zielreiz wiederholt. Die Reaktionszeitverlangsamung auf zuvor ignorierte Reize wird dabei auf den Konflikt zwischen Aufgabenanforderung (»Reagiere auf das Objekt«) und Gedächtnisinformation (»Reagiere nicht auf das Objekt«) zurückgeführt. Im Rahmen der bisherigen Projektarbeit konnten wir zeigen, dass der Abruf der ausgeführten Reaktion aus der vorangegangenen Prime-Episode eine weitere Ursache für einen entstehenden Konflikt darstellt.

Schwerpunktmäßig beschäftigt sich das Projekt derzeitig mit der Verarbeitung räumlicher Information in der auditiven Modalität und der Frage, ob bzw. wie die Position ignorierter Geräusche verarbeitet und erinnert wird. Zudem wollen wir wissen, ob Reaktionen auf räumlich präsentierte Distraktorgeräusche aktiviert und gegebenenfalls nachfolgend inhibiert werden, um falsche Reaktionen zu verhindern. Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass sich im Gegensatz zu Befunden aus der visuellen Modalität keine generelle Beeinträchtigung für das Reagieren auf Geräusche an zuvor ignorierten Lokationen zeigt. Stattdessen scheint Orts- und Identitätsinformation ignorierter Geräusche integriert zu werden in sog. »Object files«, wie sie in verwandten Forschungsbereichen bereits postuliert worden sind. Nachfolgende Reaktionen sind verlangsamt, sofern sich nur ein Merkmal des Objekts – entweder die Identitäts- oder die Lokationsinformation – zwischen aufeinanderfolgenden Präsentationen ändert. Diese Befunde sind am besten mit der Merkmalsdiskrepanztheorie vereinbar. In unseren aktuellen Studien übertragen wir die etablierten Befunde der Grundlagenforschung auf ökologisch validere Aufgabensituationen, z.B. müssen Geräusche im dreidimensionalen Raum mit Kopfbewegungen fokussiert werden (anstelle einer Antwort per Tastendruck). Überprüft werden soll, ob die Natürlichkeit der assoziierten Reaktion entscheidend dafür ist, ob Reaktionsaktivations- und -inhibitionsprozesse bezüglich der ignorierten Geräusche stattfinden.

Zeitraum

laufend

Ansprechpartner

Axel Buchner
Susanne Mayr undefined
Malte Möller

Publikationen

Mayr, S., Buchner, A., Möller, M., & Hauke, R. (2011). Spatial and identity negative priming in audition: Evidence of feature binding in auditory spatial memory. Attention, Perception & Psychophysics, 73, 1710-1732. doi: 10.3758/s13414-011-0138-2

Mayr, S., Möller, M., & Buchner, A. (2011). Evidence of vocal and manual event files in auditory negative priming. Experimental Psychology, 58, 353–360. doi: 10.1027/1618-3169/a000102

Möller, M., Mayr, S., & Buchner, A. (in press). Target localization among concurrent sound sources: No evidence for the inhibition of previous distractor responses. Attention, Perception, & Psychophysics.

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