Ernst August Dölle

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Dichotomie und Duplizität - Ernst August Dölle zum Gedächtnis

Am 1. Juli 1898 schenkte im niedersächsischen Gifhorn die Frau des protestantischen Geistlichen August Dölle diesem einen Sohn. Er erhielt den ortsüblichen Namen Ernst-August. Der Vater August Dölle stammte aus altem niedersächsischem Pfarrergeschlecht; seine Frau Ida, geborene Hochendüker, war die Tochter eines Geistlichen aus dem Solling. In einem behäbigen Celler Pfarrhaus und einem prächtigen Pfarrgarten verbrachte Ernst August Dölle glückliche Jahre. Aus der lange schwelenden Gefahr wurde jedoch bitterste Tatsächlichkeit, und am Ende einer unbeschwerten Kindheit rückte Dölle im Herbst 1915 an die Front.

Nach kurzer Ausbildung in Marburg und Mainz-Kostheim wurde Dölle als Ballonbeobachter der leichten Artillerie vor Verdun eingesetzt. Hier muß aus heutiger Sicht biographisch die Entstehung von Dölles bahnbrechender Theorie der binauralen Rivalität angesiedelt werden, denn dort ereignete sich ein gravierender Vorfall, der für Dölles weiteren Lebensweg von höchster innerer und äußerer Relevanz war: Am 3. Juli 1916, zwei Tage nach seinem achtzehnten Geburtstag, stürzte Dölle ab. Ein Flugmaschinenangriff zwang Dölle, seinen brennenden Ballon zu verlassen und sich seinem Fallschirm anzuvertrauen. Kameraden fanden den Schwerverletzten wenig später in einem Gartenzaun verfangen und lieferten Dölle sofort in ein nahes Feldlazarett ein. Sein ihn dort behandelnder Arzt war niemand anderer als der später weltbekannte Psychologe und Sprachtheoretiker Karl Bühler, der zu dieser Zeit als Stabsarzt an der Westfront Dienst tat. Die in vielen Gesprächen vertiefte, schicksalhafte Begegnung brachte Ernst August Dölle dazu, Psychologie zu studieren. Gleichzeitig war mit der aufgrund des Absturzes kurzzeitig verloren gegangenen und wahrscheinlich nie ganz vollständig wiedererlangten binauralen Hörfähigkeit ein wichtiger Grundpfeiler für seine späteren Forschungen gelegt.


Ernst August Dölle, * 1. Juli 1898 † 8. Mai 1972

Wie so vieles in der Dölle-Forschung ist auch die Herkunft dieses  Porträts umstritten. Nach dem Urteil von Zeitzeugen gilt allenfalls als  einigermaßen gewiß, daß es aus dem Anfang der 1960er Jahre stammt.

Während seines Studiums der Psychologie bei Geyer in Greifswald reiften die Grundlagen für Dölles spätere Arbeiten zur zweiwertigen Seelenlogik und zur Phänomenologie, zum Positivismus und zur Wissenschaftstheorie, sowie zur Triebtheorie. Schon im Jahre 1927 erreichte den frisch habilitierten E.A. Dölle aufgrund seiner bereits beachtlichen wissenschaftlichen Leistungen ein Ruf auf den soeben eingerichteten Lehrstuhl für Psychologie und Pädagogik an der damaligen Wirtschaftshochschule (heutigen Universität) Konstanz. Damals wußte Dölle sicherlich nicht, daß Konstanz seine endgültige Heimat bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1968 und darüber hinaus bis zu seinem plötzlichen Tode im Jahre 1972 bleiben sollte.

Die ersten Jahre in Konstanz waren für Dölle sehr aufreibend. Sein Lehrstuhl wollte eingerichtet und aufgebaut werden; zunächst standen diesem nur zwei Räume im alten Gebäude der Wirtschaftshochschule zu. Es fiel dem Gelehrten schwer, seinen Hörern - im allgemeinen waren es nur wenige Wirtschaftswissenschaftler, die für pädagogische oder gar psychologische Lehrinhalte gewonnen werden konnten - seine Erkenntnisse und Einsichten zu vermitteln. Dennoch war Dölle zu Beginn der dreißiger Jahre trotz gelegentlicher Depressionen auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Er hatte das rechte Alter, seine Arbeitsbedingungen genügten ihm vollauf, er fand mehr und mehr äußere Anerkennung oder doch zumindest Beachtung, das sich damals wandelnde gesellschaftliche Klima gab ihm zusätzlichen Aufschwung. In jenen Jahren elaborierte er seine metatheoretischen Grundkonzepte und phänomenologischen Analysen (Graumann, 1974), verteidigte er seine Psychologie des Religiösen, entwickelte er seine Lerntheorie und richtete, nachdem sein Lehrstuhl ein drittes Zimmer erhalten hatte, ein psychologisches und insbesondere psychoakustisches Laboratorium ein. Bald amplifizierte Dölle zugleich seine Theorie der binauralen Rivalität und deren Globalisierung mittels des Konzepts des binauralen Rivalen. Daneben gelang Dölle eine apparative Weiterentwicklung der Schulzschen Pumpe, die erstmals eine Metrisierung der Meßergebnisse zuließ und die sich zur orthodoxen Form der Schulzschen Pumpe etwa so verhält wie Lienerts Modifikation der Drahtbiegeprobe zu deren klassischer Form (Merz, 1964). In diese Zeit fiel auch die Begründung der später so bekannt gewordenen Donnerstag-Kolloquien, die in den folgenden Jahrzehnten manch namhaften Gast in Konstanz sehen sollten. Diese fruchtbare und auch subjektiv befriedigende Schaffensperiode Dölles transformierte sich mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges in eine Zeit der eher intensiven als extensiven Zugangsweise zum wissenschaftlichen Gegenstand.

Nach Gefangennahme durch britische Truppen und zeitweiliger Internierung finden wir Dölle im Jahre 1947 mit dem Wiederaufbau seines Lehrstuhls befaßt. Wie allen Opfern des Krieges war auch ihm die materielle und seelische Not nicht fremd geblieben. Vielleicht aus diesem Grunde wandelte sich sein Arbeitsstil immer stärker weg vom extensiven Ausleben hin zu kontemplativer Verinnerlichung. Kongresse hat Dölle - wohl auch aufgrund eines hinsichtlich seiner Gründe bis heute ungeklärten Zerwürfnisses mit Bühler - nie wieder besucht, und viele seiner späteren Werke blieben unveröffentlicht. Es wäre jedoch - um einem naheliegenden und weit verbreiteten Mißverständnis entgegenzutreten - ganz falsch, im späteren Dölle einen kontaktschwachen und verbitterten Introvertierten zu sehen. Jeder, der ihn nach dem Kriege in Konstanz besucht hat, erinnert sich gerne an die stets von ihm persönlich geleiteten Postkolloquien im Konstanzer "Pfannenstiel". Auch sonst war Dölle einem guten Tropfen badischen Weines nicht abhold, und seine Pfeife schmeckte ihm bis zuletzt.

Der Übergang vom aktiven akademischen Leben zur Emeritierung verlief bei Dölle fast unmerklich. Wegen der bekannten Nachbesetzungsschwierigkeiten an Dölles Wirkungsstätte verzögerte sich sein Emeritierungstermin bis zum Mai 1968, also bist fast zu seinem 70. Geburtstag, was Dölle mit der ihm eigenen Gelassenheit trug. Überraschend starb Ernst August Dölle am 8. Mai 1972 an einer Lungenentzündung. In seiner bahnbrechenden und Jahrzehnte intensiver Arbeit umspannenden Forschungstätigkeit hat sich Dölle insbesondere mit den Grundlagen der von ihm entwickelten zweiwertigen Seelenlogik und den sie kennzeichnenden Wahrheitswerten 1 und ½ auseinandergesetzt (Stapf & Herrmann, 1974). Daneben hat er sich intensiv mit dem Bereich des Auditiven und insbesondere mit der von ihm entdeckten binauralen Rivalität beschäftigt. Zeitlebens hat Ernst August Dölle gegen das schrille Diktat des Sehens, der visuellen Perzeption, des Visus und somit gegen die - wie er es nannte - "Schande des Optozentrismus" gekämpft. Vehement hat er sich stattdessen für den Primat des Auditiven eingesetzt (Dölle, 1997). Aufgrund der von ihm beklagten "Verlautung" der Gesellschaft lag ihm dabei insbesondere das Konstrukt der Mucksmäuschenstille (Dölle, 2012) am Herzen. Vor allem anderen steht Dölles Werk jedoch - so aspektreich und vieldimensional es auch sein mag - unter dem Prinzip der Duplizität bzw. Dualität und damit der fundamentalen Zweiheitlichkeit. Rivalität, der introjizierte Rivale, Binauralität, zweiwertige Seelen-logik und vieles andere - alles das sind, in Dölles Sinne, "Zweiheitsbegriffe" und unterstreichen letztlich nur die grund- und dahinterliegende Bedeutung von Dichotomie und Duplizität, den fundamentalen Leitbegriffen der Wissenschaftstheorie Dölles. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Dölle mit einigen wegweisenden Beiträgen seinen unverlierbaren Platz auch in der Mathematischen Psychologie und der psychologischen Methodologie gefunden (siehe z.B. Münchhausen, 1994; Tack, 1974).

In der deutschsprachigen Psychologie erfolgte die Rezeption der bahnbrechenden Werke Dölles eigentümlich verzögert und im Wesentlichen erst nach seinem Tode. Sie erreichte einen Höhepunkt in der von Theo Herrmann 1974 posthum herausgegebenen Festschritt "Dichotomie und Duplizität: Grundlagen psychologischer Erkenntnis. Ernst August Dölle zum Gedächtnis". Sowohl die Tiefen- als auch die Breitenwirkung dieser Festschrift wurde in vergleichbaren Werken bis heute kaum wieder erreicht (siehe lediglich Bonn, Glanzmann, Hentschel, Hodapp, Laux, Mattenklott, Mummendey, Mummendey & Vossel, 1996; Haag & Lamparter, 1996). In der viel beachteten Aufsatzsammlung hatten sich Schüler und Freunde, aber auch einige kritisch-distanzierte Beobachter seines Werkes zusammengefunden, um durch geeignete Würdigungen diejenige wissenschaftliche Beachtung seiner Arbeiten zu erhalten und zu mehren, die diese heute mehr denn je verdienen. Mögen auch angelsächsische Einflüsse auf die Psychologie ihre zunehmende Wirkung ausüben, mag es immer schwieriger werden, die Psychologie zu definieren, wird selbst bisweilen die Frage nicht unterdrückt, ob die Psychologie als Wissenschaft überhaupt möglich sei: Die eigenständige Leistung der deutschsprachigen Psychologie und damit auch die fundamentalen Beiträge E.A. Dölles zu dieser werden auf Dauer unüberholbar bleiben.

Neben seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat Dölle auch eine Reihe lyrischer Werke hinterlassen, von denen beispielhaft im Folgenden seine ins akustische transformierte Adaptation des "Heidenrösleins" wiedergegeben werden soll:

Heidenmücklein

von Ernst August Dölle
Visusfreie Rekonstruktion eines Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe (1770)

Hört ein Knab' ein Mücklein sirr'n,
Mücklein auf der Heiden.
Hört das Mücklein zierlich schwirr'n,
Lief zu ihm mit heißer Stirn.
Hört's mit vielen Freuden.
Mücklein, Mücklein, Mücklein keck,
Mücklein auf der Heiden.

Sprach der Knab': "Ich fange dich,
Mücklein auf der Heiden!"
Mücklein sprach: "Ich steche dich
daß Du ewig denkst an mich,
und ich will's nicht leiden."
Mücklein, Mücklein, Mücklein keck,
Mücklein auf der Heiden.

Und der wilde Knab' zerbrach
s' Mücklein auf der Heiden,
Mücklein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
mußt es eben leiden.
Mücklein, Mücklein, Mücklein keck,
Mücklein auf der Heiden.

Seit seinem Tode wird das Andenken an den großen Gelehrten von der undefinedErnst August Dölle Gesellschaft gepflegt und in Ehren gehalten. In Zusammenarbeit mit der undefinedAbteilung für Diagnostik und Differentielle Psychologie am Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf hat die Gesellschaft den Raum 23.02.00.63 - das Ernst August Dölle Auditorium (Wegbeschreibung) - dem ehrenden Andenken an den großen Seelenforscher und Universalgelehrten gewidmet. Eine dort angebrachte Gedenktafel erinnert an sein Leben und Werk.

Literatur

Autor: Jochen Musch

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenJochen Musch